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Spiel der Rekorde und der Club ist doch kein Depp!


22. Februar 2014 – 22. Spieltag

Im Kellerkrimi gegen Braunschweig gewinnt der Club eines der kuriosesten Spiele der Vereinshistorie. Als Sieger des Spieltags erklimmen wir zum Lohn den 12. Platz.

Ich bin seit 28 Jahren Clubfan. Aber was an diesem Samstag im Stadion passiert ist, habe ich noch nicht erlebt. Es hat mir massenhaft graue Haare beschert und kostet mich einige Jahre meines Lebens. Ob ich auf das Spektakel hätte verzichten wollen: Niemals!
Knapp 37.000 Zuschauer waren gekommen und es hätte noch mehr verdient gehabt. Zumindest mein Vater scheint den Braten gerochen zu haben, er ist auch mal wieder mit von der Partie und sitzt in der Reihe links hinter mir. Die Stimmung war positiv angespannt, Fangesänge aus beiden Lagern machen ihren Mannschaften Mut.
Respekt, wie die rund 3.000 Fans aus Braunschweig ihre Löwen das ganze Spiel über leidenschaftlich anfeuern. Man merkt, dass hier ebenfalls ein Traditionsverein mit treuen und nicht gerade erfolgsverwöhnten Fans zu Gast ist. Ich erkenne Parallelen zu meinem Herzensverein. Es ist für mich das erste Clubspiel überhaupt gegen Braunschweig – ein wahrlich Denkwürdiges.
In der kompletten ersten Halbzeit hat Braunschweig den Ruhmreichen total im Griff. Der Club hat zwar ständig den Ball, aber es führt zu keiner nennenswert gefährlichen Aktion. Braunschweig presst den Club fast bis an den eigenen Sechzehner. Sowas habe ich noch nie gesehen. So spielt kein Tabellenletzter.

Notbremse und Elfmeter als Adrenalinspritze
Als dann nach einer halben Stunde Clubverteidiger Nilsson die Rote Karte wegen einer Notbremse bekommt, wird es turbulent. Kurz danach geht Braunschweig mit einem Kopfball-Nickerchen ins lange Eck in Führung. Das sieht nicht gut aus und beim FCN geht gar nix mehr zusammen.
Doch der Schrecken wird größer. Kurz vor der Halbzeit gibt es Elfmeter für Braunschweig. Wenn jetzt das 2:0 fällt, ist das Spiel gelaufen. Zudem ist Schäfer ja nicht gerade bekannt als Elfmeterkiller: Der Braunschweiger läuft an, schießt halbhoch rechts – und Raffa hält! Der Frust einer grottenschlechten ersten Halbzeit entlädt sich im rot-schwarzen Jubel. So ein verschossener Elfmeter kann eine Partie kippen und selbst eine Mannschaft in Unterzahl beflügeln.

Papa das Orakel und die Halbzeit der Rekorde
Im angeregten Halbzeitgespräch mit meinem Vater fachsimplen wir über die miese erste Hälfte. Mein Vater, inzwischen 70 Jahre alt und mitschuldig an meinem Dasein als Clubfan, meint lapidar: „Wirst sehen, der Club gewinnt noch 2:1.“ Ich lache gequält auf und sage: „Nach der ersten Halbzeit bin ich froh, wenn wir überhaupt noch den Ausgleich schaffen!“ Das Orakel behielt Recht und der Club-Express nahm Fahrt auf.
Anpfiff zur zweiten Halbzeit. Kopfballvorlage auf Kiyotake, zwei Haken, ein Knaller ins obere Tordreieck. TOR nach nur 10 Sekunden! Bundesligarekord! Geil.
Anstoß Braunschweig, der Club erobert den Ball. Steilpass auf den frisch eingewechselten Pekhart. Ist im Sechzehner. Flachschuss links unten. TOOOOOR. Das Stadion wird zum bebenden Tollhaus. Jubeltrauben überall. Liege Fans neben und hinter mir gleichzeitig in den Armen. Sprinte zu meinem Vater, dem alten Orakel, wir schreien unsere Freude raus. Was ist hier bloß los? Innerhalb von zwei Minuten hat der Club die Braunschweiger überrollt und das Spiel gedreht. Bin total aus dem Häuschen, geflasht von Adrenalin und Endorphinen.
Jetzt kommen auch die zwei Väter mit ihren Söhnen zurück, die neben mir saßen. Sie mussten unbedingt Pommes kaufen und haben glatt unsere zwei Tore verpasst. Ich schwöre mir, dass mir sowas nie passieren wird.

Elfmeterdrama nimmt seinen Lauf
Die Braunschweiger mussten unseren Doppelschlag aus dem Nichts erstmal verdauen. Doch mit einem Mann mehr drängen sie energisch auf den Ausgleich. Der Club wirft sich mit voller Leidenschaft dagegen und Raffa hält überragend – vorbei die Lethargie aus Halbzeit eins.
Aber in der 62. Minute passiert Pino ein ungeschicktes Foul im Strafraum. Wieder Elfmeter für Braunschweig. Kippt das Spiel erneut?
Der Braunschweiger läuft an, schwacher Schuss halbhoch in die Mitte. Schäfer wartet lange und pariert mit den Beinen! Die Tribünen wackeln, pure Ekstase auf den Rängen. Raffa ist ab sofort offiziell ein Elfmeterkiller und Fußballgott!
Und weil es noch nicht dramatisch genug ist: Auch der Club bekommt seinen Elfmeter. Machen wir jetzt den Sack zu? Irgendwie traue ich der ganzen Sache nicht. Wär zu schön, um wahr zu sein. Kiyotake läuft an, schießt halbhoch links und der Torwart lenkt den Ball mit den Fingerspitzen an den Innenpfosten. Von dort kullert er in Zeitlupe parallel zur Torlinie und geht NICHT rein. Ich werd beklooooopppppppt! Drei verschossene Elfmeter in einem Spiel ist der nächste Rekord in der Geschichte der Bundesliga. Ist doch klar, dass da der FCN beteiligt sein musste.

Doch anscheinend sind jetzt beide Mannschaften ebenfalls mit den Kräften am Ende. Der Club kämpft seine Abwehrschlacht und Braunschweig kommt zu keiner richtigen Ausgleichschance mehr. Aber wir zittern trotzdem, brüllen, feuern an, geben alles. Noch drei Minuten Nachspielzeit. Pfeif doch endlich ab. Dann die Erlösung. Nochmal wildes Umherspringen mit kollektiven Gruppenumarmungen. Wir haben es geschafft und das 6-Punkte-Spiel gewonnen. Verloren habe ich dagegen fast den Verstand, bestimmt einige Lebensjahre und meine Stimme. Sie klingt jetzt wie das piepsige Krächzen zum Beginn der Pubertät.

Trost und Lob für geknickte Braunschweiger
Nach dem Spiel trotte ich mit dem Orakel müde und aufgekratzt zum Auto. Wir gehen gemeinsam mit den vielen Braunschweiger Fans zum Großparklatz. Sie sind total geknickt und hadern mit ihren verschossenen Elfern. Aber die Stimmung ist nicht aggressiv. Ich komme mit einigen ins Gespräch, verteile Trost und Lob für die tolle Leistung heute. Obwohl sie direkter Konkurrent sind, wünsche ich ihnen dann kurioserweise viel Erfolg im Abstiegskampf, so dass wir uns nächstes Jahr wieder in der 1. Liga begegnen können. Denn da gehören Traditionsvereine nun mal hin.

Daheim angekommen zerbröselt es mich nach dem Sieger-Bier auf dem Sofa. Aber dann bin ich das Orakel mit Eingebungen. Ich wache um kurz nach Mitternacht auf, zappe direkt aufs ZDF zum Aktuellen Sportstudio. Dort hat gerade ein ungeplanter Sondergast seinen Auftritt. Es ist Raphael Schäfer – als der Held des Spieltages. Der Club erreicht heute seine beste Platzierung der Saison und steht auf dem 12. Platz. Was für ein Tag.

Die ausführliche Spielanalyse dazu gibt’s bei kicker online.

Tabelle_Spieltag-22

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