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Das Feuer lodert seit Mexiko


Juni 1986
Panini-Sammelbilder, Toni Schuhmacher, La Ola und das Aztekenstadion. Die WM im Glutofen von Mexiko entfachte 1986 meine Leidenschaft für Fußball und macht aus einem Schulbuben einen glühenden Anhänger des runden Leders.

Die WM 2014 in Brasilien ist in vollem Gange. Vor einigen Tagen standen sich Brasilien und Mexiko in der Vorrunde gegenüber. Ein südamerikanischer Klassiker. Mexiko – ja, da war doch was. Meine Gedanken schweifen ab und landen im Sommer des Jahres 1986.
Damals ging ich in die dritte Klasse und hatte keine richtige Lieblingssportart. Fußball ließ mich bis dato eher kalt. Die WM in Mexiko stand unmittelbar bevor und aus irgendeinem mir unerklärlichen Grund besorgte ich mir ein Panini-Sammelalbum, das kostenlos in den Zeitschriftenläden auslag. Vorne drauf das Maskottchen des Turniers: ein Männchen mit riesigem Schnurrbart und noch größerem Sombrero – viva la Stereotypa! Dann kaufte ich mir mehrere Tütchen mit den üblichen 6 Sammelbildern drin, ich glaube die Packung kostete 40 (?) Pfennig. Ich hatte nach einigen Tagen circa 100 Bilder und rund ein Dutzend Doppelte. Nix Spektakuläres.
Panini_WM1986_Album
Aufstieg zum Tauschmogul
Doch an einem Nachmittag sollte sich alles verändern: Mein Vater kam von der Frühschicht und hatte eine Überraschung im Gepäck. Vom legendären Schreibwarenladen „Backes“ kaufte er mir 100 Tütchen!!! An diesem Nachmittag riss und klebte ich mir den Wolf, wie im Fieberwahn und leider meistens etwas schief. Begleitet von ekstatischen Aufschreien „Den habe ich noch nicht!“ und genervten Seufzern „Schon wieder der!“
Am Abend hatte ich das Album fast voll und einen stattlichen Haufen von rund 300 Doppelten. Damit stieg ich in das Tauschgeschäft ein und zum Tauschmogul auf. Fußball wurde zum ersten Mal ein kollektives Ereignis auf dem Pausenhof, vor und nach dem Unterricht.
Ich interessierte mich plötzlich für alle Details, die ich aus dem Album aufsaugen konnte – Stadionkapazitäten, Luftfeuchtigkeit, teilnehmende Nationalmannschaften, Spielerdetails und Spielpaarungen. Die Neugier auf Fußball war geweckt und die WM konnte endlich losgehen.

Deutschland ist eine Turniermannschaft
Nicht nur ich war heiß, sondern auch Mexiko machte seinem Namen als Glutofen alle Ehre. Aber unsere Nationalelf kam damit doch erstaunlich gut zurecht. 1:1 gegen Uruguay, 2:1 gegen Schottland und 0:2 gegen Dänemark reichten, um ins Achtelfinale zu gelangen. Dort ging es gegen Marokko und das Spiel fand mitten in der Nacht statt. Da am nächsten Tag Schule anstand, entfiel das Live-Anschauen. Doch gleich nach dem Aufstehen mache ich die Glotze an und schaute den Spielbericht im Frühstücksfernsehen. In einem Gurkenspiel hat uns Matthäus mit seinem Freistoßtor kurz vor Schluss gerettet.
Und jetzt Viertelfinale – gegen Gastgeber Mexiko. Das Spiel fand am späten Samstagabend statt. Natürlich erstmal Familiengrillen und dann alle ab vor den Fernseher. Es war ein enges Spiel, das erst im Elfmeterschießen entschieden werden musste. Immer wieder bin ich vor Müdigkeit eingeschlafen, aber beim Elferkrimi war ich wieder hellwach. Die DFB-Elf hats dank Elfmeter-Töter Toni Schuhmacher gepackt und den Gastgeber aus dem Turnier geworfen.
Im Halbfinal warteten die favorisierten Franzosen auf uns, die mit Platini nach der WM-Krone greifen wollten. Doch wir haben ihnen den Zahn gezogen – ein frühes Freistoßtor nach Torwartfehler und ein entscheidender Lupfer von Völler kurz vor Schluss. Trotzdem bin ich vor Aufregung immer wieder auf die Terrasse geflohen, bin auf und ab gehampelt. Doch dann Erleichterung – 2:0 gewonnen. Das Team von Trainer Beckenbauer hat zwar nicht überragend gespielt, aber im Sinne einer Turniermannschaft das Finale im Aztekenstadion erreicht.

Mythos Aztekenstadion
azteken-stadion_001
Meine positiven Erinnerungen an das Aztekenstadion: Ein gigantisches Stadion mit sehr steilen Rängen, über 110.000 Fans, Konfettiregen, ohrenbetäubende Fangesänge und immer wieder die La Ola Welle. Ein wohliger Schauer lief mir jedes Mal den Rücken herunter, bei dem sich meine Nackenhaare aufstellten.
Doch auch diese Lektion sollte ich schon früh lernen: Fußball ist kein Wunschkonzert und es gibt immer einen Gegner, der einem die Party vermiesen will und es auch tut!
Genau das haben die Argentinier dann auch getan. 3:2 haben sie gewonnen. Nachdem wir einen Zwei-Tore-Rückstand aufgeholt haben, haben sie doch noch mit einen Konter das Siegtor ins lange Ecke erzielt. Was für eine Enttäuschung. Haben uns den Pokal glücklich-unverdient weggeschnappt. Maradona stemmt ihn stattdessen in die Höhe und küsst die goldene Trophäe. Diese Bilder haben sich in mein Fußball-Gedächtnis eingebrannt.

Bereit für die wahren Tragödien
Dieses Turnier verkörperte alles, was den Fußball so faszinierend macht: Spannende Spiele, viele Tore, Zittern, Jubeln, Trauer, Fehlentscheidungen, Helden und Betrüger. Es war meine erst intensive Berührung mit der Welt des Fußballs und seitdem brennt dafür meine Leidenschaft.
Mitte Juli entschied mein Vater, dass ich nun wohl auch bereit sein dürfte, für die wahren Herausforderungen und Tragödien des Fußballsports – für Bundesligaspiele des 1. FC Nürnberg. Doch von meinem ersten Mal im altehrwürdigen Stadion am Dutzendteich erzähle ich euch erst demnächst.

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4 Kommentare zu “Das Feuer lodert seit Mexiko

  1. Ich frag‘ mich gerade, wo meine alten Pannini-Alben sind ….. aber „Bagges“ schreibt man nicht mit „CK“ 🙂

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  2. Danke für diese wunderbaren Erinnerungen. Mir fehlen übrigens immer noch Bilder, falls Du noch welche doppelt hast. Ich kann mich noch gut an den Geruch erinnern, wenn man die Päckchen aufgerissen hat…So wie vieles ist das heute auch nicht so.
    War eine tolle Zeit, wo man manchmal im TV nur erahnen konnte, welcher Spieler gerade am Ball war. Und der Toni – konnte bis über die Mittellinie werfen 🙂 Schön wars!

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    • Ja, der Geruch: Chemie und Klebstoff – eine wunderbare Kombination für jugendliche Nasen und Rezeptoren! Ich glaube übrigens, ich habe die Doppelten irgendwo eingemottet. Muss mal schauen.

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      • Jaja…da begann Alles. Tauschen, Kleben, Jubeln…
        Da waren doch auch die silbernen Wappen…herrliche Erinnerungen.

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