Ein Kommentar

Cluberitis – der unheilbare Virus


15. November 1986
„Als ich noch ein ganz kleiner Bub war, da nahm mich mein Vater mit zum Club – und ich sah die rot-schwarze Fahne und ich schwor ihr die Treue bis zum Tod.“

So beginnt die erste Strophe eines Lieds, das die Nordkurve bei fast allen Heimspielen anstimmt.
Die zweite Strophe lautet:
„Und so vergingen die Jahre,
und wir zogen in alle Städte ein,
und wir singen noch immer für Nürnberg,
 so wars damals und so soll es sein!“

Dieses Lied passt zu meinem Fandasein und begleitet mich seit dem Herbst 1986.

Gerade erst im Juni 1986 hatte ich mit der WM in Mexiko meine fußballerische Initialzündung erlebt. Doch damit nicht genug. Mein Vater entschied, dass ich nun wohl auch bereit sein dürfte, für die wahren Herausforderungen und Tragödien des Fußballsports – für Bundesligaspiele des 1. FC Nürnberg.

Opel Rekord in der ersten Reihe
So passierte es an einem trüben Herbsttag, dass mich mein Vater ins altehrwürdige Städtische Stadion am Dutzendteich mitnahm. Es war Samstag, der 15. November 1986 und ich war zehn Jahre alt. An diesem 14. Spieltag der Saison fand um 15:30 Uhr die Partie gegen den Aufsteiger statt: 1. FC Nürnberg gegen die SpVgg Blau-Weiß 90 Berlin.

Mit dem Auto fuhren wir zum riesigen Großparkplatz am Stadion. Mein Vater suchte solange einen Parkplatz, bis unser hellblauer Opel Rekord in der ersten Reihe stand. Denn es war enorm wichtig, dass man nach dem Spiel gleich durchstarten konnte – um Himmels willen bloß nicht von anderen Autos eingekeilt sein und im Stau stehen! Dann wurde der Fußweg zum Stadion eben etwas länger …
Vorbei ging es an einer „Ranch“, die den Cowboys und Western-Liebhabern noch heute als Vereins-Domizil dient, bis endlich die Flutlichtmasten und die graue Betonschüssel in Sichtweite kamen.

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Nach weiteren fünf Minuten Marsch kamen wir an den grauen Kassenhäuschen in der Südkurve an. Mein Vater wollte Karten für die Südkurve kaufen, damit wir nicht bei den „Verrückten“ in der Nordkurve stehen müssen. Also wurde es Block 11, der erste Stehplatz-Block neben der Gegengerade mit den Sitzplätzen. Mein Vater fragte den Ordner: „Ist heute Blockzwang oder darf ich in jeden Block rein?“ Der antwortete stoisch: „Nur der Block, der auf der Eintrittskarte steht.“ Tja, auch diese Szene sollte sich die nächsten Jahrzehnte stetig wiederholen.

Dröhnende Betonschüssel
Kribbelig stieg ich die letzten Stufen zum Blockeingang hinauf. Dann war ich zum ersten Mal im Stadion und hatte freie Sicht auf das Spielfeld. Wow! In sattem Grün lag es da, umgegeben von einer Tartan-Laufbahn – einer der wohl sinnlosesten Errungenschaften in einem Fußballstadion. Die Tribünen ordneten sich als großes Achteck um das Spielfeld, so dass die mächtige Betonschüssel insgesamt 60.000 Zuschauern Platz bot. Natürlich ohne Überdachung. Aber an diesem Novembertag regnete es glücklicherweise nicht.
Allmählich füllte sich das Stadion. Die Spieler liefen sich warm, machten Dehnübungen und Sprints und ich fieberte dem Spiel entgegen. Eine Blaskappelle drehte mit Dschingderassa-Bumm eine zünftige Folklorerunde auf der Tartanbahn, um die Stimmung anzuheizen. Doch erst als der Stadionsprecher die Mannschaftsaufstellung vom FCN verkündete, erwachte die Nordkurve zum Leben: Riesige rot-schwarze Fahnen wurden geschwenkt, Konfetti rieselte durch die Luft und das dröhnende FCKW aus den Dosen-Fanfaren ließ die Luft flirren und Ohren schmerzen. Die guten achtziger Jahre, als Treibmittel noch erlaubt waren!
Mit offenem Mund starrte ich auf das lebhafte Geschehen im Fanblock. Das waren also die „Verrückten“, die mein Vater vorhin meinte. Da will ich auch mal hin. Gänsehaut und wohlige Schauer liefen mir über den Rücken.

Götterdämmerung mit sieben Glocken
Doch das war erst der Anfang, denn mein erstes Bundesligaspiel sollte ein Denkwürdiges für mich und die anderen 22.000 Fans werden:

Ein Schiedsrichterpfiff und endlich gehts los. Der Club beginnt energisch und geht nach neun Minuten in Führung. Toooor! Hände Hochreißen, Hüpfen, Schreien, Papa Umarmen. Mein erster Jubel im Stadion mit zigtausend Menschen. Doch nur zehn Minuten später kassiert der FCN den Ausgleich. So ein Mist. Ernüchterung. Ein Häuflein Berliner Fans freut sich. Doch kurz vor der Halbzeit geht der Club erneut in Führung. Freudenschreie. Juhu! Froh genieße ich die Pause und sogar die Blaskapelle, die wieder ihre Runde dreht.

Das Flutlicht geht an. Start der zweiten Hälfte und der Club spielt jetzt auf unser Tor in der Südkurve, so dass wir die Angriffe noch besser sehen können. Was sich dann in gut 25 Minuten abspielte – ist legendär und sollte in die Historie des FCN eingehen: Der Club ballert auf den Kasten der Berliner und jeder Schuss ein Treffer! Fünfmal schlägt es noch ein. Unser Torjubel wird immer wilder und ausgelassener. Alle reiben sich die Augen und können nicht glauben, dass der FCN gerade sieben Tore geschossen hat! In einem Punktspiel der ersten Bundesliga – was für ein Wahnsinn. Die Nordkurve vibriert vor rot-schwarzer Glückseligkeit.

Als Bub gekommen, als Fan gegangen
Der zweite Berliner Treffer stört niemanden mehr. Der Club gewinnt 7:2. Das war einer der höchsten Siege in der bewegten Vereinsgeschichte und ich war dabei! Seitdem habe ich nie wieder sieben Club-Tore in einem Pflichtspiel gesehen. Schade nur, dass wir nicht mitbekommen haben, wie die Mannschaft nach dem Spiel zum Abklatschen bei den Fans war.
Denn als nächster „Running Gag“ hat sich seitdem eingebürgert, dass wir knapp zehn Minuten vor Spielende fluchtartig das Stadion verlassen mussten, um der unsäglichen Staugefahr zu entgehen. Im Dauerlauf hechelten wir zum Auto, so dass der Opel Rekord dann mit einem Kavalierstart der Blechlawine entkommen konnte.
Im Auto plapperte ich heisern ohne Punkt und Komma, so aufgedreht war ich über dieses unfassbare Spiel und das Siegesgefühl, das so süchtig macht. Spätestens da muss es passiert sein, dass mich der Virus infiziert hat.
Ich kam als fußballinteressierter Bub ins Stadion und verließ es als Club-Fan. Diesen Virus habe ich bis heute nicht abschütteln können und bin seit 28 Jahren von der Cluberitis befallen. Diagnose: Unheilbar. Danke Papa!

Die Spielstatistik FCN – Blau-Weiß 90 Berlin gibt’s bei kicker online.

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Ein Kommentar zu “Cluberitis – der unheilbare Virus

  1. Super Beitrag, hat Spaß gemacht…..(-;

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