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Fehlzündungen in Serie


19. Mai 2016 – Hinspiel Relegation:

Das Sportliche geriet schnell zur Nebensache: Ganz ohne Torchance hat der Club mit dem 1:1 bei der Eintracht eine gute Ausgangsposition fürs Rückspiel geschaffen. Neben Unmengen an abgefackelter Pyrotechnik sorgten Statements von Weiler und Schäfer für Verstimmungen.

Am Donnerstag war es das Gesprächsthema Nummer 1 in der Kaffeeküche, aufm Flur und beim Mittagessen: Der Club und das Hinspiel der Relegation bei der Eintracht. Eine Mischung aus Vorfreude und Anspannung schwang in allen Gesprächen mit – und jeder wünschte sich mindestens ein Auswärtstor.

Das wünschten sich auch die 5.000 Cluberer, die im Auto- und Buskonvoi anreisten. Am zentralen Sammelpunkt wurden rote T-Shirts verteilt: „Was auch immer passiert, wir lieben dich sowieso!“ prangte als trotziges Bekenntnis darauf. In Summe eine weitestgehend geordnete und friedliche Anreise zum Stadion.

Wettstreit der Zündler

Vor und während dem Spiel dann allerdings Pyrowahnsinn im Akkord: Erst Frankfurt, dann zigmal im Clubblock und wieder Frankfurt – beide Ultra Fangruppen wollten ihre Stärke demonstrieren. Sie zündeten, was die Feuerwerkarsenale hergaben. Der DFB reibt sich bereits die Hände, dass seine zwei liebsten Kindlein so ungehörig waren. Kann er diese wieder mal mit saftigen Geldstrafen belegen. Bei den Kindern gäbe es zudem Hausarrest, bei den Ultras vielleicht mal wieder ne Blocksperre – oder mal ne komplett leere Nordkurve? Zwar unbeugsam, aber leider auch unbelehrbar. Es freut sich die prall gefüllte Vereinskasse!

Foto_GästekurveKämpferisches Bollwerk

So sehr auf den Rängen auch gezündelt wurde – es übertrugen sich keine Kreativitätsfunken auf die Mannschaften. Der Club spielte in der Defensive stark, geordnet und sehr diszipliniert. War gleichzeitig aber was die Offensive angeht nicht vorhanden – kein einziger Torschuss, Unmengen an leichten Fehlpässen und kaum Präzision. Ballbesitz: Fehlanzeige. Mit kümmerlichen 25% war der Ball nur Zaungast bei den Clubspielern. Aber kämpferisch war das Team absolut top!

Und auch Ballbesitz an sich schießt eben noch keine Tore. Frankfurt agierte druckvoll, aber ohne nennenswerte Torchancen. Eine flotte und spannende Partie, aber ohne spielerische Klasse. Ein richtiges Kampfspiel – eben Relegation, wo es um schicksalshafte Weichenstellungen geht. Das schmeichelhafte 1:1 ist ein gutes Ergebnis für den Club. Vor allem das eine Auswärtstor, das so wichtig war. Egal, dass der FCN keine richtige Torchance zustande brachte und es ein unglückliches Eigentor vom Frankfurter Russ war.

Die Causa Russ

Damit wäre eigentlich alles Nennenswerte einer sehr mittelmäßigen Partie erwähnt worden, wäre da nicht noch der anschließende Interviewmarathon und die Causa Russ gewesen. Leider leisteten sich sowohl Trainer Weiler als auch Keeper Schäfer verbale Fehltritte gegenüber dem Eintracht Kapitän Marco Russ und seiner Mittwochnacht publik gewordenen Krebsdiagnose. In Unkenntnis der vollständigen Faktenlage wurde von Weiler kritisiert, dass der Fußball als Bühne für eine Inszenierung herhalten musste und Schäfer wertetet das Auflaufen des Spielers als Beleg für dessen Gesundheit.

Blöde Aussagen, die die Medien dankbar aufgesaugt und im Nachgang entrüstet in die Welt posaunt haben.

Trainer Weiler hat sich bereits in der Pressekonferenz nach dem Spiel geäußert und zurückgerudert. Und der Club hat richtigerweise noch Donnerstagnacht sehr schnell eine Klarstellung und Entschuldigung veröffentlicht.

Klarstellung und Entschuldigung vom FCN

Dort heißt es im Wortlaut:

Die schreckliche Nachricht der schweren Erkrankung von Marco Russ kurz vor dem ersten Relegationsspiel bei Eintracht Frankfurt hat die Bedeutung der Partie für alle Seiten in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen. Auch beim Club reagierte man tief betroffen auf die Botschaft, die Mannschaft und Trainer am Donnerstagmorgen, 19.05.16, erreichte.

Wenige Stunden vor der Partie wollten alle Beteiligten, wie Marco Russ selbst auch, den sportlichen Aspekt in den Vordergrund rücken. Unmittelbar nach dem Spiel wurden Spieler und Trainer des Club von Medienvertretern mit der Thematik konfrontiert. Trainer René Weiler äußerte dabei sein Unverständnis, über den Zeitpunkt der Veröffentlichung der Erkrankung, den er als „Inszenierung“ bezeichnete.

Dazu stellt der Club-Coach klar: „Es ist pietätlos, dass ein Klub und ein erkrankter Spieler fast dazu genötigt werden, die intimsten Dinge preisgeben zu müssen, um nicht als Dopingsünder in Verdacht zu stehen. Ich wünsche Marco Russ nur das Beste. Es geht mir immer um den Menschen – und Gesundheit ist dabei das allerwichtigste. Meine Aussage sollte auch keinerlei Vorwurf Richtung Eintracht Frankfurt sein, sondern ging an diejenigen, die den Fußball als Bühne nutzen und mit so einer Nachricht mitten in der Nacht an die Öffentlichkeit gehen. Mir waren die Vorgänge bei der Eintracht nicht im Detail bekannt. Ich habe meine Aussage auch bei Marco Russ sowie den Frankfurter Verantwortlichen persönlich unmittelbar klargestellt.“

Auch Raphael Schäfer entschuldigte sich noch auf der Heimreise aus Frankfurt bei Marco Russ für seine unbedachte Antwort in einem Interview nach Spielende. „Meine Worte waren dumm, dafür kann ich mich nur aufrichtig entschuldigen. Ich habe mich voreilig geäußert, ohne Bescheid zu wissen. So etwas darf mir nicht passieren, das ist absolut nicht in Ordnung. Ich wünsche Marco das Allerbeste und bin sicher, dass er wieder gesund wird.“

Der 1. FC Nürnberg entschuldigt sich bei Eintracht Frankfurt für die Unruhe, die nach dem Spiel entstanden ist und hofft, dass künftig das Sportliche wieder im Mittelpunkt steht.

Ich glaube mit dieser aus Sicht der Öffentlichkeitsarbeit professionellen, aufrichtigen und sehr zeitnahen Stellungnahme hat der Club richtig reagiert: Fehler begangen und sich dafür ehrlich entschuldigt. Damit sollte es auch gut sein – ein medial empörter Shitstorm inklusive Verbrennung aufm Scheiterhaufen ist übertrieben und ebenfalls total unangebracht!

Alles andere ist die private Angelegenheit von Marco Russ – dem Sportler, Ehemann und Familienvater.  Auch ich wünsche ihm die besten Heilungschancen im Kampf gegen den Hodenkrebs.

PUNKT!

Blick aufs Sportliche

Wendet man den Blick wieder aufs Sportliche, so fällt einem dann plötzlich wieder auf: Hoppla, gibt es wohl noch ein Rückspiel? Ja, gibt es – und zwar aufm Platz! Am Montagabend zählt es. Da muss der FCN genauso intensiv fighten, in der Offensive jedoch mehr zeigen, ballsicherer und präziser werden. Da sind wir Fans gefordert, dass unser Achteck ein Hexenkessel wird, das den Club leidenschaftlich nach vorne peitscht. Denn laut war es in Frankfurt und das geht auch ohne Pyrotechnik. Aber ich muss kein Prophet sein, dass bestimmt wieder genügend Pyro den Weg ins Stadion finden wird. Unbeugsam und unverbesserlich …

Auf jeden Fall hat das Relegationsdrama seinen Höhenpunkt noch lange nicht erreicht. Am Montagabend sind wird schlauer und hoffentlich noch glücklicher – endlich wieder in Liga 1.

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2 Kommentare zu “Fehlzündungen in Serie

  1. […] Fehlzündungen in Serie […]

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  2. Es war aus meiner Sicht trotzdem eine Inszenierung der Medien auf dem Rücken des Menschen Russ. Alleine schon die Darstellung der ARD konnte einen Eindruck von einem „Russ“-Relegationsspiel erwecken. Jedes Interview (auch die der Clubspieler) wurde mit der Russ-Erkrankung „garniert“. Sorry, das hat mit ernsthaftem Sportjournalismus nichts, aber auch gar nichts zu tun. Delling heizte dann das Thema auch noch an. Für mich unterste Schiene! Dumm war die Bemerkung von Schäfer, aber auch da muss man den Zusammenhang mit dem gerade beendeten Spiel berücksichtigen. Die Medien haben sich schnell den Club allgemein und Weiler/Schäfer als Zielscheibe ausgesucht und an den Pranger gestellt.

    Im übrigen hatte ich den Eindruck, der Club hat sich unbotmässig verhalten, weil er das Russ-Gedenkspiel gewinnen wollte.

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