Ein Kommentar

Später Schwabenstreich


29. April 2017 – 31. Spieltag:

Es war die beste Saisonleistung vom Club. Passend zum Spiel gegen den Tabellenführer VfB Stuttgart vor großer Kulisse. Unpassend war jedoch der Lucky-Punch in der Nachspielzeit. Ein überflüssiger Schwabenstreich.

Rund 30 Busse aufgereiht wie an einer Perlenschnur säumten den Messeparkplatz und spuckten unablässig Schwaben aus. Es war eine rote-weiße Invasion im Frankenland, die der VfB Stuttgart angezettelt hatte. Bestimmt 15.000 Gästefans wollten ihren VfB als Aufsteiger in Spe beim Spiel gegen den FCN unterstützen. Eine tolle Kulisse im Frankenstadion, das mit 44.000 Zuschauern sehr gut gefüllt war – mehr waren nur im verlorenen Relegationsspiel vor einem Jahr dabei.

Es war eine würdige Kulisse für ein Spitzenspiel, das tabellarisch eigentlich gar keins war. Der Club als Neunter empfing den Tabellenführer. Eigentlich nix Besonderes. Doch mit Absteiger und bald Wiederaufsteiger Stuttgart stand eine Partie an, die den Hauch von vergangenem Erstliga-Ruhm verströmte. Gerade gegen die Schwaben gab es schon viele legendäre Spiele. Das Wichtigste war natürlich der 3:2-Sieg des Ruhmreichen im DFB-Pokalendspiel vor zehn Jahren. Also freute ich mich ganz besonders auf dieses Kräftemessen des heuer mittelmäßigen Clubs gegen den favorisierten VfB.

Teuchert macht den Zarate

Denn komischerweise hat der FCN in dieser Saison gerade gegen die Spitzenteams der Liga Heimsiege eingefahren und durch die Bank gute Spiele gezeigt. Daher rechnete ich auch damit, dass der Club nicht sang- und klanglos untergehen, sondern sich teuer verkaufen würde.

Genau so kam es auch. Zwar machten die Schwaben von Beginn an Druck und überzeugten mit gefälligem Spiel und viel Ballbesitz, doch der FCN hielt prächtig dagegen. Stand in der Defensive ausnahmsweise sicher und gut gestaffelt und überzeugte mit Herz, Kampfgeist und – Toren: Dem überraschenden 1:0 in der 25. Minute, durch einen schnell ausgeführten Freistoß von Teuchert mit anschließendem Flachschuss von Behrens links unten ins Toreck, folgte eine Galavorstellung.

In der 33. Minute erobert Teuchert die Kugel in der eigenen Hälfte, umkurvt mehrere VfB-Spieler wie Slalomstangen und sprintet los. Kompromisslos marschiert unser Youngster bis zum Strafraum, lässt sich auch von drei Verteidigern nicht aufzuhalten und findet die Lücke. Hoch ins linke Eck platziert er das Leder unhaltbar ins Tor. Was für ein Ding dieses 2:0! Ein Sololauf über 60 Meter und auch noch überragend vollendet. Tor des Monats verdächtig.

Mit solchen Solos hat uns zuletzt die argentinische Zaubermaus Zarate verzückt. Lang ist es her. Das Stadion steht Kopf. Die rot-schwarze Gemeinde flippte kollektiv aus. Die schwäbische Südkurve dagegen knabberte heftig an diesen zwei Stimmungsdämpfern. Dann ist Halbzeit und wir reiben uns verzückt und euphorisiert die Augen. 2:0 gegen den Tabellenführer, das war nicht zu erwarten. Doch Kenner wissen, dass sich die Stuttgarter in dieser Saison von Rückständen nicht beeindrucken oder aufhalten lassen.

Blackout nach dem Pausentee

Der Club hat das anscheinend nur bedingt mitbekommen und verspielt innerhalb von drei Minuten die Führung: In der 47. Minute gibt’s Elfmeter, den der Stuttgarter Terodde sicher links oben verwandelt. Nach einer Ecke überspringt der frisch eingewechselte Ex-Cluberer Ginczek seinen Gegenspieler Kammerbauer und köpft zum Ausgleich ein. In der 50. Minute ist der scheinbar komfortable Vorsprung dahin. Alles wieder offen und der Altmeister schwimmt. Hoffentlich überrollt uns jetzt nicht der VfB! Doch nach einigen Minuten hat sich das Team wieder gefangen.

Danach wurde es ein Spiel mit offenem Visier. Attacke auf beiden Seiten. Mit den besseren Chancen für den FCN und zwei strittigen Strafraumszenen, bei denen Teuchert nicht ganz sauber vom Ball getrennt wurde. Doch die Pfeife des Schiris blieb stumm. Der hat mich in der zweiten Halbzeit sowieso tierisch aufgeregt mit seiner kleinlichen Pfeiferei! Kein Wunder, dass er nach dem Spiel begleitet von einem Pfeifkonzert das Spielfeld verließ.

Auf jeden Fall war es eine packende Partie voller Leidenschaft – sogar spektakulär. Verglichen mit der bisherigen Magerkost bei vielen Heimspielen dieser Saison ein echter Gaumenschmeichler. Als wir uns schon mit einem 2:2 arrangiert hatten, spielten uns die Schwaben einen späten und sehr schmerzhaften Streich:

Langer Ball in den Club-Strafraum. Ginczek legt für Terodde ab, der wiederum findet Klein – und der schießt aus acht Metern flach ein. Knock-out für den Club. Der 3:2-Siegtreffer in der Nachspielzeit. Jetzt war die Südkurve ein Tollhaus und die 15.000 Schwaben ließen ihre Emotionen ungezügelt raus. Ein schmerzhaftes Bild, wenn so viele Gästefans einen Last-Minute-Sieg feiern. Und du selbst bist erstmal total konsterniert. Lieferst das beste Saisonspiel ab und stehst trotzdem mit leeren Händen da. Verspielst eine 2:0-Pausenführung. Besonders der schwäbische Lucky-Punch trifft dich hart in der Magengrube. Aber genau diese späten Tore zeichnen eben ein Spitzenteam aus. Mit seinem Siegeswillen bis in die Nachspielzeit hat der VfB in dieser Saison schon zehn Punkte extra geholt. So steigt man auf. Wir werden uns dann wohl längere Zeit nicht mehr gegenüberstehen.

Oft auf Augenhöhe

Betrachtet man die Statistik, agierte der Ruhmreiche in vielen Bereichen auf Augenhöhe. Bei den Torschüssen (15:14 für VfB) und Schüssen auf das Tor (10:9 fürn Club) herrschte nahezu eine Pattsituation. Auch in der Zweikampf-Statistik mit 52:48 % für Stuttgart sind beide Teams fast gleichauf. Lediglich mit 65 % Ballbesitz und einer Passquote von 87 % dominierten die Schwaben. Genau bei diesen Kategorien offenbarte sich der Unterschied zwischen bemühtem Tabellenmittelfeld und spielstarker Tabellenspitze. Aber ansonsten belegen die Zahlen, dass der Club ein klasse Match geliefert hat.

Trotz der Enttäuschung gabs daher verdienten und aufmunternden Applaus, als die Mannschaft in die Nordkurve kam. Das Team hat alles gegeben und unglücklich verloren. Auch wenn du für die Leistung keine Punkte bekommst, gab es viel Positives, worauf man aufbauen kann. Trotz der verständlichen Enttäuschung direkt nach dem Schlusspfiff.

Das große Schweigen

Enttäuschend fand ich auch, dass sich die Ultras erneut zu einem Stimmungsboykott entschieden haben. Bereits vor dem Spiel haben sie in ihrem Flyer darüber informiert, dass der Support auch in den letzten zwei Heimspielen gegen Stuttgart und Düsseldorf weiterhin ausbleiben wird.

Ich habe damit gerechnet, dass der 7-911er gemeinsam mit der restlichen Nordkurve im Spitzenspiel vor 44.000 zeigt, wer der Herr im eigenen Haus ist. Doch stattdessen herrschte bei den Ultras erneut das große Schweigen. Da kann sich die restliche Kurve noch so sehr abmühen – es braucht einen Impulsgeber, der den Takt schlagt und die Stimmung anfacht. Unserem Club auf dem Rasen hätte der noch lautstärkere Support von weiteren 5.000 Kehlen gut getan. Verdient hätte es das Team für diese tolle Leistung auf jeden Fall gehabt. Denn genau aus diesem Grund gehe ich ins Stadion, um meinen Club anzufeuern.

Aber derzeit regiert eben die Politik und Taktik: Es wird Zeit, dass Ego und Eitelkeiten bei Ultras und Verein endlich wieder in den Hintergrund rücken! Die derzeitigen Gräben sind tief, aber nicht unüberwindbar. Spaß macht das ganze Tammtamm derzeit überhaupt nicht. Aber das zieht sich schon fast die ganze Saison durch – nicht nur sportlich und finanziell.

Gräben überwinden und zuschütten

Hoffnungsvoll stimmt mich wenigstens die Absichtserklärung im Flyer der Ultras:

„Das Mittel, wie wir dieser Eiszeit mit dem Verein entkommen, ist hingegen klar. Die Führungsriege unserer Gruppe hat die Absicht, so schnell wie möglich ein klärendes Gespräch mit den Verantwortlichen des 1. FC Nürnberg zu führen. Das dies durch die verhärteten Fronten nicht gerade einfach ist, sollte jedem klar sein. Dennoch ist das der einzig vernünftige Weg, um in Zukunft wieder gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Denn nur wenn alle Altlasten aus dem Weg geräumt sind, kann der neue Weg zusammen geebnet werden.“

Da stimme ich vollkommen zu. Nur mit Dialog kann es funktionieren. Notfalls eben mit einem Schlichter wie beim klassischen Arbeitskampf, wenn Arbeitgeber und Gewerkschaft verhandeln und sich einander annähern müssen. Ich bin gespannt. Wäre ein ganz neues Kapitel beim Club, das ich in den letzten 30 Jahren so auch noch nicht erlebt habe. Man lernt eben nie aus beim Altmeister.

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