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Remis trotz Chancenwucher


1. September 2018 – 2. Spieltag:

Urlaub ist schön. Verpasst man deswegen haarscharf das erste Bundesligaheimspiel seit vier Jahren, ist die Freude etwas getrübt. Doch aus dieser Not habe ich eine Tugend gemacht und Thorsten Winter mit meiner Dauerkarte ins Achteck geschickt. Mein Gastautor ist Glubberer und Vereinsmitglied, wohnt in Hessen und arbeitet als Redakteur bei der FAZ. Während ich im Stau auf der Tauernautobahn stand, hat er das Spiel miterlebt. Und jetzt ab zum Korrespondenten ins Stadion.

Schiedsrichter Guido Winkmann hat das Spiel abgepfiffen, da brandet nach ein paar Sekunden der Jubel auf. Nicht nur auf den Stehplätzen in der Nordkurve, sondern fast überall im Achteck. Auch die Mainzer Fans sind zufrieden mit dem 1:1. Können sie auch sein. Denn wie wird der Trainer der Nullfünfer später über die bisweilen turbulente zweite Halbzeit sagen: „Nürnberg hat viel Wucht entwickelt und wir hatten dann auch das eine oder andere Mal ein wenig Glück.“ Glück hatte die Mannschaft von Mainz 05, weil die Glubberer in entscheidenden Momenten nicht cool genug waren und genau genug gezielt haben. Keine Frage: Nach der mäßigen ersten Halbzeit mit nur einer Chance für den FCN und eigentlich keiner für Mainz, welche die Rheinhessen aber eiskalt und technisch sauber genutzt hatten, war mehr drin als nur ein Remis.

Skepsis versus Ovationen

Vielleicht ist das der Grund, weshalb die Männer in Rot und Schwarz sich zuerst am Mittelkreis versammeln und irgendwie unschlüssig erscheinen. Dann drehen einige in Richtung Gegengerade ab. Fast scheint es so, als zierten sie sich, vor der Nordkurve die Ovationen für eine couragierte Leistung in der zweiten Halbzeit und den ersten Bundesliga-Punkt seit vier Jahren im Max-Morlock-Stadion entgegenzunehmen. Ja, Capitano Behrens, Alexander Fuchs, Schorsch Margreitter und die anderen – sie gehen dann doch vor die Nordkurve, aber beinahe trotten sie dort hin. Angekommen, hüpft keiner, ja, sie klatschen den Fans für den Dauer-Support. Aber wer in die Gesichter der Spieler des Ruhmreichen blickt, während sie ihre halbe Stadionrunde bis vor die Haupttribüne absolvieren, kann kaum Freude entdecken. Weil eben mehr drin war, wie schon in Berlin.Gleichwohl: Rückspiegel-Diskussionen nützen nichts. Hätte Ishak in Berlin den Elfer versenkt und hätte der FCN eine seiner Großchancen gegen Mainz verwandelt – Leibold in der ersten Halbzeit, Kubo und danach nacheinander Löwen, Fuchs und Petrak in der zweiten Hälfte und dann nochmal Kubo – unser Club könnte nun vier Zähler auf seinem Konto haben. Hat er aber nicht. Dennoch herrscht nach dem Abpfiff auf den Rängen mindestens Zufriedenheit. Dem einen oder anderen der knapp 38.000 ist es gar warm ums Herz ob der Leistung in der zweiten Hälfte, die einen teils vom Plastiksessel riss – nachdem einem in Halbzeit eins bisweilen ein „Allmächd“ entfuhr, so gehemmt und schüchtern traten die Glubberer auf!

Schönes Tor auf falscher Seite

Ja, sie hielten die Nullfünfer weitgehend gut von der eigenen Box fern. Ja, die Mainzer mussten oft, wie sonst beim Handball zu beobachten, hintenrum sich die Bälle zuspielen und neu aufzubauen versuchen, weil ihnen nichts einfiel. Petrak spielte einen aufmerksamen Abfangjäger hinter den ständig störenden Ishak und Palacios. Und ja, das Social-Media-Team des FCN hatte recht, als es in der 24. Spielminute twitterte: „Sehr aufmerksam, was die Herren Margreitter und Co. da in der Viererkette machen.“ Doch nur eine Minute später duschten die Mainzer sie eiskalt ab. Nach einer Unaufmerksamkeit im Mittelfeld war plötzlich die rechte Abwehrseite verwaist, Aaron flankte seelenruhig aus dem linken Halbfeld in die Mitte, und dort schraubte sich Mateta in die Höhe. Sein Kopfball landete fast im Winkel. Schönes Tor, leider auf der falschen Seite und wie aus dem Nichts.

In der Folgezeit zeigte die Köllner-Elf beeindruckt. Einschussmöglichkeiten wie Freistöße verpufften, weil etwa Valentini direkt schoss wie zuvor Leibold, statt scharf in den Sechzehner zu flanken. Dessen ungeachtet fehlte es trotz des überraschend präsenten und im guten Sinne um Ordnung bemühten Fuchs an Ideen nach vorne. Kubo verhungerte auf der linken Außenbahn buchstäblich. „Habt doch Mut“, rief der eine oder andere Fan den Rot-Schwarzen auf dem Weg in die Kabine hinterher.

Ishaks Frusthammer

Und als hätten sie es vernommen, kamen die Glubberer ziemlich verwandelt aus der Kabine heraus. Sofort machten sie mehr Druck. Nur eine schlampige Ballannahme von Palacios, der auffallend viele Bälle zu weit prallen ließ, verhinderte die erste Chance nach der Pause. Doch die ließ nicht lange auf sich warten. Nach einer Ecke von Valentini in Richtung Strafraumgrenze ließ Behrens den flach getretenen Ball passieren und Ishak drosch die Kugel links über Kopfhöhe in die Maschen. Was für ein Hammer zum 1:1! Was für eine Explosion des Jubels auf den Rängen! Im Fernsehen war das entsetzte Gesicht des Mainzer Keepers später besonders gut zu bewundern. Ishak dagegen, in Berlin noch Unglückswurm, kniete vor den jubelnden und hüpfenden Fans in der Nordkurve, die Faust geballt mitten in der Traube der Club-Spieler.

Im Anschluss daran nahm der Kick fast nur noch eine Richtung. Die Mainzer zeigten sich sichtlich beeindruckt, die Glubberer nach vorne getrieben nicht mehr nur von den Fans auf den Stehplätzen, wollte mehr als das Remis. Dabei erwies sich eine Umstellung von Köllner als sehr hilfreich: Kubo spielte nach der Pause mittiger und konnte so den Spielaufbau an sich ziehen und sich mit Fuchs dabei abwechseln. Es sei die Prognose gewagt: An beiden wird der Club und sein Anhang noch viel Freude haben. Bestimmt wird das Achteck dann künftig noch deutlich besser gefüllt sein, als mit knapp 38.000 Besuchern.

Treffsicherheit als Manko

Dass es zum Schluss nicht mehr zum Sieg reichte – wurscht. Dieser Auftritt in der zweiten Halbzeit macht Mut. Daran sollte, ja muss die Köllner-Elf anknüpfen. Unser Trainer scheint auf dem richtigen Trip zu sein. Er spricht die Mängel an, versucht, sie schnell abzustellen wie mit der Verschiebung von Kubo in die Mitte und gibt den Spielern das nötige Vertrauen in die eigene Stärke. Wie sagte er doch sinngemäß nach dem Kick: Wenn sich die Spieler in Liga eins akklimatisiert haben und die Abläufe im Spiel sich durch Training automatisieren, dann kommt der Rest von selbst. Zum Beispiel die Treffsicherheit, die mit 19:6 Torschüssen und nur einem Tor gegen Mainz erneut ein Manko darstellte. Hier liegt noch genügend Verbesserungsbedarf.

Ob der Glubb eine Riesensaison spielen wird, wie Köllner meint, wird sich noch zeigen. Eines ist aber schon klar: Angst haben vor der Bundesliga müssen die Club-Spieler nicht. In Berlin waren sie gleichwertig und gegen Mainz das letztlich bessere Team. Darauf lässt sich aufbauen. Der FCN ist wieder da!

 

Gastautor Thorsten Winter im Steckbrief

Alter: 51 Jahre

Beruf: Redakteur bei der F.A.Z. und FAZ.Net

Glubb-Fan: Bin ich seit 1984. Wurde ich damals im Zuge der schlimmen Saison und der furiosen Aufholjagd unter Trainer Höher.

Dauerkarte: Wohne berufsbedingt in Oberhessen, daher leider keine 😦

Glubb-Mitglied: seit 1. April 2014

Twitter: @thorsten_winter

Freude pur bei der Aufstiegsfeier im Mai 2018: Thorsten Winter (l.) und das Clubgeflüster Frank Ordosch

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4 Kommentare zu “Remis trotz Chancenwucher

  1. […] Remis trotz Chancenwucher […]

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  2. Schöner Rückblick auf ein Spiel, in dem ich gut nachvollziehen konnte, warum die Nürnberger durchaus um zwei Punkte trauern. Die Mannschaft zu sein, die durch eine abgezockte Aktion quasi eine Halbzeit für sich entscheidet, ist nicht alltäglich für Mainz 05. Nach dem Ausgleich wirkte das Team dann beeindruckt und unterm Strich geht das Unentschieden in Ordnung.

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  3. Hey Thorsten – vielen Dank für diese tolle Reportage. Sie hat mich ein wenig dafür entschädigt, dass ich nicht im Stadion dabei sein konnte 🙂
    Stattdessen stand ich auf der Tauernautobahn rund um Salzburg und dem Grenzübergang im Stau. Habe zwar via Internet das FCN-Fanradio verfolgen können, aber die Verbindung ist immer wieder abgerissen. War klar, dass ich kein Netz hatte, als Ishak den Ausgleich reingehämmert hat. GRRRRR!
    Aber ich habe mich trotzdem über den ersten Punkt in der Bundesliga gefreut. Darauf kann der Club aufbauen. Jetzt noch die zwei Neuen ins Team integrieren und dann kann es nach der Länderspielzwangspause erfolgreich weitergehen. Wir freuen uns schon auf den ersten Sieg. Der FCN ist wieder da!

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