Ein Kommentar

VAR als Stimmungskiller


22. September 2018 – 4. Spieltag:

Erster Saisonsieg für den FCN. Ein verdientes 2:0 gegen Hannover 96. Doch statt Jubel war viel Frust im Spiel – verursacht durch den Videobeweis. Auch an diesem Spieltag ein Drama in mehreren Akten.

TOOOOOOOR für den FCN. Die Fans im Max-Morlock-Stadion liegen sich in den Armen. Frenetischer Jubel und Ekstase. Endlich führt der Club mit 1:0 und muss nicht wieder einem Rückstand hinterherlaufen. Eine Erlösung. Als wir uns allmählich aus dem Jubelknäul gelöst haben, gibt der Stadionsprecher den Torschützen durch: „Torschütze mit der Nummer 9 – Mikael … Doch jäh bricht der Stadionsprecher mitten im Satz ab. Denn Hannover führt einen Freistoß im eigenen Sechzehner aus und auf der Anzeigentafel erscheint als Spielstand wieder 0:0!

In diesem Moment dämmert es uns auf den Rängen. Anscheinend gab es Videobeweis und das Tor wurde aberkannt?! In dem ausgelassenen Jubel hat das aber irgendwie keiner mitbekommen. Kurz darauf wird als Erklärung auf der Anzeigentafel eingeblendet, dass eine Abseitsstellung vorlag und das Tor nicht gegeben wird. Bestimmt ein bis zwei Minuten, zumindest eine gefühlte Ewigkeit hat doch das Tor gezählt! Dann ist es einfach futsch und du kommst dir als Fan im Stadion vor wie im falschen Film! Wütende Pfiffe. Fassungslosigkeit pur.

Wenige Minuten danach stürmt Neu-Cluberer Misidjan fast alleine auf Hannovers Keeper zu. Er wird von einem Abwehrspieler berührt und fällt. Jeder rechnet mit Elfer, Notbremse und roter Karte. Klare Sache, doch der Schiri lässt weiterlaufen! Das Stadion ist außer sich. Plötzlich das Zeichen für VAR!

Der Schiri schaut sich diverse Zeitlupen an und seine Entscheidung lautet: Platzverweis für Hannover, aber nur Freistoß wenige Zentimeter vor der Strafraumgrenze. Der Freistoß wird ausgeführt und klatscht nur an den Pfosten. Spätestens jetzt waren wir alle konsterniert.

Neutral versus Fanemotion und TV versus Stadion

Diese beiden Szenen waren der Aufreger schlechthin in der ersten Halbzeit. Im Nachgang muss man sagen, dass der VAR zweimal richtig lag. Abseits und kein Tor. Auch Misidjans-Aktion war kein Elfer. Und eigentlich wurde er nur leicht berührt. Das pfeift nicht jeder als Notbremse. Also warum die ganze Aufregung? Warum fühlen sich diese nachträglich richtigen und somit gerechten Entscheidungen doch irgendwie falsch an?

Ich versuche, es aus meiner Sicht annähernd zu erklären: Es ist der Unterschied zwischen TV und Stadionbesuch, zwischen neutralem Interesse an einem Spiel und es emotionalisiert als Fan zu verfolgen. Die ganzen VAR-Entscheidungen der letzten Bundesliga-Saison und der WM in Russland haben mich relativ kalt gelassen. Als neutral interessierter Zuschauer verfolgst du die Spiele im Fernsehen und bildest dir eine Meinung zu bestimmten Entscheidungen oder korrigierten Fehlentscheidungen durch den Videobeweis. Aufregungsfaktor eher gering. Oft habe ich mir gedacht: „Zum Glück hat das jetzt nicht den Club betroffen!“

Aber seit dieser Saison ist der Ruhmreiche Teil dieser Inszenierung. Schon die VARs in Berlin und Bremen haben mich genervt, weil die Bewertung inhaltlich nur bedingt nachvollziehbar war. Aber am Samstag habe ich mein erstes VAR-Erlebnis live im Stadion gehabt. Hätte nach dem Tor ein Linienrichter die Fahne gehoben und Abseits angezeigt – es wäre so gewesen wie immer: „Kurzer Jubel. Shit, die Fahne ist oben. Abseits. Kein Tor.“ Das sind wenige Sekunden, in denen du die Emotion noch deckeln kannst. Aber diesmal lief ja das volle Programm ab: Tor erzielt. Die Mannschaft bildet die Jubeltraube. Fans liegen sich in den Armen und klatschen sich ab. Diverse Tor-Animationen auf der Anzeigentafel, der Stadionsprecher verkündet offiziell den Torschützen. Alle Emotionen sind rausgebrochen. Das ganze Prozedere hat gefühlt eine Ewigkeit gedauert und jetzt rechnet doch keiner mehr damit, dass plötzlich mit dem Tor etwas nicht stimmt. Und dann BÄMMM! Statt Anstoß gibt es Freistoß für den Gegner? WTF! Das Tor zählt nun doch nicht! Du fühlst dich betrogen. Bist konsterniert. Danach war die Stimmung im Keller. Wie beim Koitus Interruptus. Und es dauert, bist du wieder steil gehen willst.

Nie mehr Phantomtor

Doch was soll jetzt mit dem Videobeweis werden? Sofort abschaffen? Das wird wohl so schnell nicht passieren – unabhängig, wie wir Fans im Stadion das letztlich finden.

Trotzdem bin ich dafür, dass eklatante Fehlentscheidungen rund um ein erzieltes Tor korrigierbar sein müssen. Das unsägliche Phantomtor darf sich nicht mehr wiederholen. Es ist ein kollektives Trauma im Fan-Gedächtnis, hat dem FCN das Genick gebrochen und letztlich den Abstieg 1994 besiegelt. Wäre es damals direkt im Spiel zurückgenommen worden, hätte der Club in München einen Punkt geholt und den Klassenerhalt geschafft. Ein Tor kann also eine enorme Tragweite haben – vor allem, wenn es für die ganze Welt klar ersichtlich IRREGULÄR war und niemals hätte zählen dürfen! Aus Gründen der Gerechtigkeit sollte daher der Videobeweis helfen, irreguläre Tore zu entlarven. Auch wenn ein Spieler drei Meter im Abseits steht und ein Tor erzielt, sollte es nicht zählen. So geschehen im November 2013 in Hannover, als diese Fehlentscheidung den Club den ersten Saisonsieg kostete. Viele von euch werden sich bestimmt noch erinnern. Oft habe ich mich gefragt, wie wohl die Saison nach einem Auswärtssieg verlaufen wäre…

Also aus der Perspektive, die irregulären Tore zu verhindern, ist der Videobeweis eine wertvolles Hilfsmittel. Allerdings glaube ich, dass das Feintuning, also für welche Überprüfungen und bis wann der VAR zeitlich maximal eingreifen darf, noch deutlich optimiert werden muss! Der bisherige Zustand ist noch nicht so richtig ausgegoren – und leider bisher viel zu oft eine Zumutung für Spieler und Fans. Das muss besser werden, sonst bekommst du das Akzeptanzproblem nie in den Griff.

Moral trotz VAR

Denn wie mag sich das VAR-Gebaren erst für die Akteure auf dem Rasen anfühlen? So ein VAR-Tiefschlag kann den Drive innerhalb des Teams und anschließend den ganzen Spielverlauf verändern. Der Club hat bereits in vier Spielen fünfmal den VAR gekriegt. Doch glücklicherweise hat sich auch diesmal die Mannschaft von dem ganzen Trubel nicht nachhaltig beeindrucken lassen.

Sie hat ein ordentliches Spiel gemacht und hat Hannover eigentlich das ganze Spiel über gut im Griff gehabt. Dass es dann am Schluss doch noch große Emotionen gab, lag am eingewechselten Neuzugang Törles Knöll. Er war in der 75. und 77. Minute an beiden Toren beteiligt.

Aber ich gebe zu, dass ich mich beim 1:0 noch nicht richtig freuen konnte. Es war ja nicht eindeutig klar, ob der Ball wirklich hinter der Torlinie war. Daher habe ich damit gerechnet, dass der Videobeweis sowieso wieder herangezogen wird und meine Freude erstmal gedeckelt. Doch dann hat es die Torlinientechnologie fast in Echtzeit dem Schiri bestätigt. Stimmt, die gibt es ja auch noch. Daran habe ich gar nicht mehr gedacht. Doch noch Jubel. Leicht verspätet und irgendwie verhalten. Komisches Gefühl.

Lediglich beim 2:0 war alles wie immer. Jubel. Ein Blick zum Schiri. Der zeigt ohne langes Zaudern mit ausgestrecktem Arm zum Mittelkreis. Ekstase und Freudentaumel. Eben so, wie es sein soll.

Damit war der erste Bundesliga-Sieg seit dem 26. März 2014 besiegelt. Ein Sieg, der einer Achterbahnfahrt mit maximalen unterschiedlichen Emotionen glich – mit Orgasmus und Koitus Interruptus inklusive. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass es in der jetzt anstehenden englischen Woche nicht wirklich langweiliger werden wird. In Dortmund ist es ja meistens nur bedingt fade.

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