Ein Kommentar

Fortschritt trotz Rückstand


3. November 2018 – 10. Spieltag:

Der Club punktet endlich wieder auswärts! Zweimal hat das Team in Augsburg einen Rückstand aufgeholt und belohnt sich mit dem späten Ausgleich. Eine starke zweite Halbzeit mit toller Moral zahlt sich aus.

Am Schluss wurde es doch noch ein Punktgewinn. Sogar ein hochverdienter! Dass es tatsächlich dazu kam, durfte man nach der grottenschlechten ersten Halbzeit nicht erwarten. In dieser präsentierte sich der Altmeister als zusammengewürfelter Haufen, der auf dem Platz lediglich körperlich anwesend war. Mehr aber auch nicht. Es hat kaum etwas funktioniert. Statt erfrischender Rotation mit fünf ausgeruhten Kräften herrschte größtenteils Konfusion.

Es gab eine Halbchance von Zrelak, ansonsten war die Offensive abgemeldet. Stattdessen drängte Augsburg den Club in die Defensive und beherrschte komplett das Geschehen. Die 1:0 Führung für die Fuggerstädter nach zehn Minuten fiel fast zwangsläufig. Dass es vor der Pause nicht öfters in unserem Kasten schepperte, war glückliche Fügung – einige brenzlige Torraumszenen rochen nach einer höheren Führung für den FCA.

Kopfwäsche mit Fön

So schnaufte ich in der Halbzeit erstmal tief durch. Sollte sich in der zweiten Hälfte nicht grundlegend etwas ändern, rechnete ich mit einer ähnlichen Packung wie in den Auswärtsspielen in Dortmund und Leipzig. Ratloses Kopfschütteln. Warum präsentierte sich der Club so chaotisch und ergab sich mutlos wieder in sein Schicksal? War man sich nicht bewusst, dass es gegen Augsburg um ein wichtiges 6-Punkte-Spiel geht?

Anscheinend hat FCN-Trainer Köllner eine aufrüttelnde Ansprache mit den richtigen Worten gefunden. Weil seiner Truppe so ungewöhnlich wenig gelungen war, wurde es seinen Aussagen gemäß in der Kabine außergewöhnlich laut: „Da wünscht sich keiner, dabei gewesen zu sein“, grantelte Köllner nach der Partie.

Hört sich verdächtig nach Kabinenpredigt mit Kopfwäsche inklusive Fön an. Da hätte man zu gern Mäuschen gespielt…

Das zweite Gesicht

Und dann passierte das, worauf man als Clubberer zwar immer inständig hofft, was man aber nicht zwingend erwarten darf: Der Club kam wie verwandelt aus der Kabine. Es war die gleiche Mannschaft, denn es gab keine Auswechslung – und trotzdem war es ein ganz anderes Team.

Plötzlich agierten die Rot-Schwarzen mit Leidenschaft und Feuer. Traten als kampfstarkes Kollektiv auf und spielten energisch nach vorne. Jetzt war der Ruhmreiche konsequenter in den Zweikämpfen und gewann insgesamt 58 Prozent der direkten Duelle – Augsburg vermehrt im Rückwärtsgang und zeitweise in der eigenen Hälfte eingeschnürt.

Das 1:1 hatte sich dann zwar angedeutet, aber die Entstehungsgeschichte war ein glücklicher Umstand: Augsburgs Finnbogason köpfte das Leder ans Lattenkreuz. Der Abpraller wird aus dem Strafraum geschlagen und gelangt zu Misidjan. Der startet auf Höhe der Mittelinie durch und düpiert drei bis vier Gegenspieler, bis er am gegnerische Sechzehner den Ball mit letzter Kraft auf Szrelak querpasst. Szrelak stochert auf Alexander Fuchs weiter, der die Kugel aus spitzem Winkel unter die Latte zimmert. Ausgleich in der 54. Minute! Riesenjubel der gut 4.500 mitgereisten Club-Fans im Stadion. Der Club ist wieder da.

Bildnachweis: Twitter-Kanal des 1. FC Nürnberg

Ernüchterung und Erleichterung

Bereits wenige Minuten später gabs die erneute Ernüchterung für den FCN: Schmid zirkelte einen Freistoß aus 22 Metern über die Mauer in die rechte obere Gambel. Mathenia ist zwar noch mit den Fingerspitzen dran, kann den Kunstschuss allerdings nicht abwehren. Der Club liegt nach einer Stunde wieder zurück.

Aber das Team lässt sich nicht entmutigen. Es spielt weiter unbeirrt nach vorne und glaubt an seine Chance. In der 83. Minute hat Zrelak den Ausgleich auf dem Fuß, doch bei der Hereingabe gerät er in Rückenlage und schießt das Leder aus kurzer Distanz am Toreck vorbei. Was für eine Gelegenheit! Doch zwei Minuten vor Schluss klappt es doch noch mit dem zweiten Treffer: Den Eckball von Leibold wuchtet Lukas Mühl mit dem Kopf links unten ins Netz. Rot-schwarze Ekstase auf den Rängen und bei mir im Wohnzimmer. JAAAA, der mittlerweile hochverdiente Ausgleich! Zu lange hatte Augsburg nur noch verwaltet und versucht, den Sieg über die Zeit zu retten.

In der Nachspielzeit dann noch eine brenzlige Situation fürs FCN-Gehäuse, aber der Ball rutschet am langen Eck vorbei ins Aus. Danach Schlusspfiff und der Club freut sich über den Punkt wie über einen Sieg. Die Auswärtsserie gegen Augsburg seit 2010 hat weiter Bestand. Der Ruhmreiche hat dort in den letzten fünf Partien nicht verloren. Drei Siege und zwei Unentschieden lautet die erfolgreiche Auswärtsbilanz. Ja, es gibt sie tatsächlich – die Lieblingsgegner.

Nur temporäre Hindernisse

Richtig euphorisch lautete daher das Fazit unseres Trainers Michael Köllner:

„Es war ein packendes Spiel. Beide Mannschaften sind an die Grenzen gegangen. Jeder, der heute hier war, wird lange an das Spiel denken. Nachdem wir die erste Halbzeit verschlafen haben, ist es fantastisch, dass wir nochmal so zurückgekommen sind. Wir haben einen richtig guten Charakter, die Mannschaft bleibt immer positiv und holt alles raus. Unsere Fans haben das hier heute gefühlt zu einem halben Heimspiel gemacht.“

Ist schon Wahnsinn, dass der Club es innerhalb von vier Tagen auswärts in Rostock und Augsburg geschafft hat, viermal einen Rückstand auszugleichen. Wer also den Altmeister verfrüht abschreibt, der begeht einen Fehler. Charakter und Willensstärke des Teams sind absolut intakt. Im Gegenteil: Die Rückstände sind anscheinend nur temporäre Hindernisse, die überwunden werden und dazu beitragen, den Teamgeist weiter zu stärken. So erzielt der Club Fortschritt trotz Rückstand.

Trotzdem wäre es mal wieder sehr schön, wenn der FCN ein Spiel mit konstant guter Leistung abruft und auf seine zwei verschiedenen Halbzeitgesichter verzichtet. Denn in den letzten vier Bundesliga-Partien haben wir lediglich zwei Punkte geholt. Es wird Zeit für einen Sieg. Am besten schon am nächsten Samstag, wenn mit dem VfB Stuttgart der Tabellenletzte zum 6-Punkte-Spiel im Max-Morlock-Stadion vorbeischaut.

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