Ein Kommentar

Die Zerreißprobe


9. Februar 2019 – 21. Spieltag:

Es war ein wichtiges Abstiegsduell in Hannover. Auch dieses hat der Club unglücklich, aber verdient verloren und rutscht wieder ans Tabellenende. Große Teile des Umfeldes fordern inzwischen die Entlassung von Trainer Köllner, der jedoch die Rückendeckung von Sportvorstand Bornemann genießt. Derweil diskutiert der Aufsichtsrat die Situation und mögliche Konsequenzen. Wegweisende Entscheidungen stehen bevor. Ausgang ungewiss.

Die englische Woche endete denkbar schlecht für den Club. Nach dem blutleer blamablen Ausscheiden im DFB-Pokal in Hamburg verlor der FCN auch den Abstiegsgipfel gegen Hannover. Beide Fanlager tauften das Duell voller Galgenhumor als „ElKackico“ – doch letztlich in die Hose gings nur bei den Gästen aus der Noris.

Mit 0:2 endete die Partie, eingeleitet durch eine verdiente Rote Karte für den Cluberer Simon Rhein in der elften Minute. Danach stemmte sich das Team in Unterzahl zwar engagiert gegen die drohende Pleite, doch genutzt hat es letztlich nichts: Beim Stand von 0:0 wurden zwei Riesenchancen vergeben, in der verletzungsbedingten Nachspielzeit der 1. Halbzeit fing man sich noch das Gegentor. Trotz einiger toller Paraden von Keeper Mathenia folgte in der 77. Minute das 0:2 – die endgültige Entscheidung.

Scheinbar ist nichts passiert

Hannover kann durch die drei Punkte zwar neue Hoffnung im Abstiegskampf schöpfen, doch aufgrund der harmlosen Spielweise ohne Ideen droht wahrscheinlich beiden Vereinen der Gang in die 2. Liga.

Paradoxerweise hat sich rechnerisch nicht viel verschlimmert: Denn sowohl Stuttgart als auch Augsburg haben sich dann am Sonntag mit grottenschlechten Auswärtsleistungen ebenfalls deutliche Niederlagen eingehandelt. Auf dieses Weise ist der Relegationsplatz selbst für den Club nur drei Punkte entfernt und auf das rettende Ufer fehlen nach wie vor sechs Punkte.

Bei noch 13 ausstehenden Spielen sind das alles Punkte, die theoretisch mit einer tollen Siegesserie noch aufgeholt werden könnten.

Streit um Deutungshoheit

Genau an dieser Stelle fängt jetzt das Dilemma beim FCN an. Denn nach inzwischen 15 Partien ohne Sieg hat Trainer Köllner bei weiten Teilen des Anhangs und des Aufsichtsrates den letzten Kredit verspielt, so dass seine Entlassung gefordert wird:

Warum rotiert Köllner wieder unerfahrene Spieler von der Tribüne in die Startelf und verschmäht Leistungsträger wie Ishak oder Löwen?

Was genau bezweckt er eigentlich mit seinen abstrusen Ein- und Auswechslungen und den eigenwilligen, teils realitätsfremden Spielanalysen?

Hat er überhaupt noch den mehrheitlichen Rückhalt der Mannschaft?

Kann eine mögliche Trendwende überhaupt noch passieren?

Ist Trainer Köllner dafür der richtige Mann?

Oder kann diese Mannschaft eigentlich kein Trainer dieser Welt vor dem Abstieg bewahren, weil ihr schlichtweg die Qualität fehlt?

Spätestens seit Samstag herrscht in den sozialen Medien zu diesen Fragen ein erbitterter Wettstreit um die Meinungs- und Deutungshoheit. Im Recht fühlen sich beide Seiten, weil es genügend Argumente für beide Positionen gibt.

Trainerwechsel für die Restchance

Meine persönliche Meinung dazu hat sich seit der Winterpause zugespitzt. Vor dem Rückrundenauftakt Mitte Januar schrieb ich in meinem Blogbeitrag Der Underdog muss liefern“:

„Zwar ehrt es die derzeitige sportliche Leitung, dass sie nicht in panischen Aktionismus verfällt, der den FCN schon oft zur absoluten Lachnummer und Skandalnudel der Liga hat werden lassen. Die Dinge positiv und mit Gelassenheit anzugehen, ist richtig. Aber die momentane Schönfärberei, dass es ja doch so viele Fortschritte gibt und man bitteschön nicht mehr hätte erwarten dürfen, nervt tierisch. Und sorgt letztlich für Alibis und Hintertürchen. Außerdem finde ich, dass es ein Fehler war, dem Trainer Michael Köllner eine Jobgarantie auszusprechen. Wenn man Ende Februar merkt, dass die Ergebnisse weiterhin so desaströs sind und die Mannschaft keine Fortschritte mehr macht, dann muss die Leitung handeln. Denn wer letztlich gar nichts unternimmt, gibt das Heft des Handelns aus der Hand und verbaut sich wichtige Optionen und Spielräume. Man kann sich doch auch im Guten und mit Niveau trennen, aber zu viel Politik der ruhigen Hand sorgt für Lethargie.“

Leider hat das Team nicht geliefert. Inklusive Pokal setzte es vier Niederlagen in fünf Spielen, bei lediglich einem mickrigen Punktgewinn. Die Ergebnisrealität ist an dieser Stelle eindeutig und unerbittlich!

Trotzdem hat der Club immer noch die rechnerisch realistische Chance, den Klassenerhalt zu schaffen. Ich glaube, dass die Mannschaft mehr Qualität hat, als sie in den letzten Monaten gezeigt hat. Jedoch glaube ich nicht, dass die Trendwende mit Trainer Köllner passieren kann. Dafür ist die Mannschaft von den ständigen Wechselrochaden und Experimenten zu verunsichert und die Gesamtsituation inzwischen zu verfahren. Daher setze ich auf einen Trainerwechsel, um für die noch ausstehenden 13 Spiele mit neuen Impulsen vielleicht doch noch auf die Erfolgsspur zu gelangen und die Klasse zu halten.

Aufsichtsrat im Dilemma

An dieser Stelle möchte ich betonen, dass es nicht darum geht, Köllner mit Hass und Häme vom Hof zu jagen. Seine Verdienste in den letzten zwei Jahren sind unbestritten und dafür hat er auch Dankbarkeit und Respekt verdient. Aber inzwischen ist leider ein Punkt erreicht, wo es mit ihm so nicht mehr weiter gehen kann. Zudem bedeutet eine Trainerentlassung nicht unbedingt, dass der finanzielle Konsolidierungskurs künftig aufgegeben werden muss.

Auf beide wird es bei der wegweisenden Entscheidung ankommen: Thomas Grethlein (l.), Vorsitzender des FCN-Aufsichtsrates und Niels Rossow, Finanzvorstand des FCN.

Doch inzwischen stellt sich dem Aufsichtsrat als gewähltes Kontrollgremium des Vereins die Frage, ob er handelt oder nicht? Aktionismus wäre gewesen, Trainer Köllner im November zu entlassen. Doch inzwischen ist es die Notwendigkeit aufgrund dauerhaft ausbleibender Ergebnisse. Wer jetzt nicht handelt, hat sowieso schon verloren und die Saison aufgegeben. Bei noch 13 Partien ein Luxus, den man sich nicht leisten sollte.

Hans Böller, Sportchef der Nürnberger Nachrichten, hat die Szenarien, über die der Aufsichtsrat entscheiden kann, verständlich nachvollziehbar in seinem Artikel „Das Club-Dilemma: Das verhindert Köllners Rauswurf“ beschrieben.

Am Montagabend um 23:00 Uhr sind noch keine offiziellen Entscheidungen gefallen bzw. der Öffentlichkeit mitgeteilt worden. Egal wie die Entscheidung ausfällt – einen Knall mit Verlierern wird es geben, so oder so. Jedoch bleibt zu hoffen, dass der Club diese Zerreißprobe übersteht.

Werbeanzeigen

Ein Kommentar zu “Die Zerreißprobe

  1. […] Die Zerreißprobe […]

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s