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Abstieg in Würde


11. Mai 2019 – 33. Spieltag:

Das ist er also – der neunte Abstieg aus der Bundesliga. Statt Pöbeleien oder Krawall gab es tausendfache Zuneigung. Diese Saison verdeutlicht, dass die Verbindung zwischen Verein und Fans enger als je zuvor ist. Eine Einheit, die Mut für die Zukunft macht.

Spätestens ab der 85. Minute flossen Tränen. Die Nordkurve stimmt „You‘ll never walk alone!“ an. Tausendfach stimmen immer mehr Fans in den Gesang ein. Laut, voller Inbrunst. Recken verzweifelt, traurig, stolz und trotzig ihre Schals in die Höhe. Verstohlen wischen sich gestandene Mannsbilder auf den Rängen manche Träne aus dem Augenwinkel. Der Anfang großer Emotionen im Max-Morlock-Stadion.

Fußballwunder bleibt aus

Der Abstieg ereilte uns zumindest dieses Mal ohne Drama. Der Dreifachschlag der Gladbacher binnen zehn Minuten in der 56., 63. und 66. Minute sorgte schon zeitig für endgültige Klarheit auf dem Rasen. Gleichzeitig erledigte im Fernduell der VfB Stuttgart wuchtig seine Hausaufgabe und gewann 3:0. Daher hätte dem Club ein eigener Heimsieg gar nix mehr gebracht. Somit blieb den Fans eine knappe halbe Stunde Zeit, sich um ihre Mannschaft zu kümmern.

Die wurde nach wie vor besungen und angefeuert – ohne Pöbeleien oder Spott. Das Team ließ sich trotz des aussichtslosen Unterfangens nicht hängen und versuchte, den Ehrentreffer zu erzielen. Stattdessen gab es noch das 0:4, damit die höchste Heimniederlage in dieser Spielzeit. Auch wenn das Ergebnis deutlich aussieht, agierte der Club bis zum Gegentreffer auf Augenhöhe und hatte mehrmals die eigene Führung auf dem Fuß. Doch wie so häufig in der Saison sollte es einfach nicht sein. Der Rest war zielstrebiger Gladbacher Konterfußball.

Am Ende stand der neunte Abstieg aus der Bundesliga, ausgerechnet am 94. Geburtstag unserer verstorbenen FCN-Legende Max Morlock. Der konnte beim Fußballgott anscheinend auch nichts mehr ausrichten, die Fußballwunder waren wohl bereits während der Woche verteilt worden.

Rot-schwarze Herzen

Somit ist der ehemals Ruhmreiche unangefochtener Rekordabsteiger, aber bitte bedenken: Auch Rekordaufsteiger! Denn nur wer vorher aufsteigt, kann auch absteigen.

Mitte der zweiten Halbzeit rollte die Nordkurve das Banner aus: „Die Legende wird wieder auferstehen! Wenn die ganze Stadt über deine großen Taten spricht, spüre ich die Narben nicht!“

Den Spielern überreichten die Ultras nach dem Spiel eigens angefertigte T-Shirts mit dem Aufdruck „Mission Wiederaufstieg“. Damit war bereits eine neue Hoffnung und Zuversicht formuliert.

Die Mannschaf ließ sich ihrerseits ebenfalls nicht lumpen und bedankte sich mit einem riesigen Transparent bei allen Fans für die Unterstützung: „Wir verneigen uns vor tausenden treuen Herzen – die sich für rot und schwarz zerreissen!“

Stolze Rekordabsteiger

Das dabei manche Herzen bluteten und auch nach dem Spiel Tränen flossen, das versteht sich von selbst. Absteigen ist immer schmerzhaft – egal der wievielte Abstieg es bereits war. Ich habe seit 1986 die Cluberitis, daher war es bei mir bereits die siebte Abstiegserfahrung.

Für meinen Minicluberer war es dagegen der erste Abstieg live im Stadion und er hat sich tapfer geschlagen. Als er dann am Sonntagabend sagte: „Papa. Ich gehe morgen mit Club-Trikot in die Schule“, da war ich zunächst verblüfft. „In guten Zeiten kann jeder sein Trikot tragen. Aber beim Abstieg machen das nur die echten Fans!“, meinte er weiter. Ich glaube, ich war selten so stolz auf diesen zehnjährigen Buben wie in diesem Moment. Er hat sein Ishak-Trikot mit der Nummer 9 heute trotzig und stolz getragen – wohlwissend, dass es hämische Sprüche von Bayern- und Kleeblattfans geben würde. Aber bereits jetzt hat er verstanden, dass Abstiege den Charakter wahrscheinlich besser formen als Meisterschaften. Dieser Wertekompass, mit Rückschlägen umzugehen, wieder aufzustehen, sich anzustrengen und es beim nächsten Mal besser zu machen, der wird ihm im Leben weiterhelfen. Dieser Minicluberer ist ein ganz Großer.

Liebe kennt keine Liga

Jetzt kann man sich durchaus lustig machen, über Traurigkeit, Emotionen und Pathos der Club-Fans. Aber genau das macht es doch aus – nicht nur im Fußball.

„Wer nicht zuweilen zu viel empfindet, der empfindet immer zu wenig“, hat der deutsche Schriftsteller und Philosoph Jean Paul einst gesagt.

Auch der heutige Kommentar von NN-Sportchef Hans Böller ist vollkommen zutreffend:

„Verlieren ist keine Schande, es gehört zur Grundidee des Sports. Eine Mannschaft, die im Leiden so geliebt wird, hat tatsächlich etwas Großes gewonnen. Und eine spezielle Nürnberger Fußball-Lebenserfahrung sagt: Jedem Abstieg wohnt ein Aufstieg inne.“

Jetzt leiden wir noch ein paar Tage und sind traurig über den Abstieg. Dann ärgern wir uns noch eine Zeit lang, weil in dieser Saison deutlich mehr drin gewesen wäre und sich ein Abstieg wohl hätte vermeiden lassen. Und dann spekulieren wir wochenlang, wie die neue Mannschaft wohl aussehen wird, wer die Ab- und Zugänge sein werden. Doch im Gegensatz zum letzten Abstieg in 2014 sieht die finanzielle Situation beim Altmeister diesmal erfreulich stabil aus – es droht kein Totalausverkauf.

Ab August sind wir dann im Gegensatz zu Erfolgsfans wieder voller Vorfreude dort, wo wir hingehören: Im Max-Morlock-Stadion, um den FCN anzufeuern. Denn Liebe kennt keine Liga. Die Verbindung zwischen Verein und Fans ist enger als je zuvor. Das Verhalten der Fans an diesem Abstiegssamstag dürfte noch lange positiv in der Republik nachhallen. Eine Einheit, die Mut für die Zukunft macht.

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5 Kommentare zu “Abstieg in Würde

  1. […] Abstieg in Würde […]

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  2. Tach Frank, bevor du dich per DN gemeldet hattest, hatte ich deinen Beitrag hier schon gelesen. Mich hatten die Reaktionen der Fans von Nürnberg und Hannover nach dem der Abstieg feststand doch schon etwas verwundert, da ja der Frust sonst immer überwiegt. Aber wie in dieser Saison damit umgegangen wurde hat mich doch überrascht. Aber vielleicht lag es auch daran, das es sehr zeitig abzusehen war wohin die Reise geht und man sich mental darauf schon einstellen konnte. Ich hoffe das der Aderlass nicht all zu gross wird um in der nächsten Saison in der zweiten Liga oben mitspielen zu können. Das man in Liga 2 zu seinem Verein steht versteht sich von selbst. Habe ich auch immer gemacht. Auch wenn ich gerne mal „gegen“ meine Hertha frotzele weil meine Erwartungen nicht erfüllt werden, stehe ich nach wie vor zu meinem Verein. Ich wünsche euch alles Gute für die kommende Saison. Macht es nicht so wie ein gewisser Hamburger Verein !!! Gruß Peter 😉 #hahohe

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  3. Es wird immer wieder gefrotzelt „soll man sein Kind zu Glubberer machen oder ihm lieber das Leid ersparen“. An Deinem Miniglubberer sieht man, dass man dadurch dem Kind auch etwas ganz wichtiges beibringen kann: Treu und zu etwas zu stehen! Sehr geil! Viele Grüße an den kleinen Fan!!

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  4. Geiler Blog 👍🏻
    Club…wir halten immer zu Dir !!!
    Gruß Michi

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